Generation Putin by Bidder Benjamin

Generation Putin by Bidder Benjamin

Author:Bidder, Benjamin
Language: deu
Format: epub
Publisher: d-DVA Sachb./Belle.
Published: 2016-07-22T12:29:53+00:00


Das Ende der jungen Wilden

Innerhalb kurzer Zeit findet sich Russlands Opposition in verzweifelterer Lage als je zuvor wieder. Alexej Nawalny, der die Proteste gegen die Parlamentswahlen 2011 angeführt hat, droht zwei Jahre später nicht nur das Ende seiner politischen Karriere, bevor sie überhaupt richtig Fahrt aufgenommen hat, sondern auch eine Haftstrafe.

Nawalny sitzt im Polohemd im Abteil eines Zugs, der von Moskau durch die Nacht nach Osten braust. Vor ihm liegt sein iPhone, er hat einen Aufkleber auf die Rückseite gepappt. »Putin ist ein Dieb« steht darauf. Nawalny, studierter Jurist, hat Staatskonzerne und Putin-Vertraute der Korruption bezichtigt und die Vorwürfe in seinem Blog mit internen Berichten des Rechnungshofs untermauert. Sein erster großer Scoop war die Aufdeckung von Unterschlagungen in Höhe von umgerechnet 2,9 Milliarden Euro beim Bau einer Pipeline zum Pazifik. Nawalny war es, der »Einiges Russland« als »Partei der Gauner und Diebe« brandmarkte. Seitdem gilt er nicht zu Unrecht als der Mann, der Putins Partei die Parlamentswahl vermasselt hat.

Er kann mitreißend reden, bis hin zur Demagogie. Beim »Russischen Marsch«, der jährlichen Demonstration der rechten Opposition, rief Nawalny Rechtsextremen und Neonazis zu, man müsse »dieses Schurkenpack vernichten, das unser Blut trinkt«. Gemeint waren Beamte und Politiker der derzeitigen Staatsmacht. Das Publikum skandierte daraufhin: »Putin vor Gericht!« Auf Twitter folgen Nawalny 1,4 Millionen Menschen.

Nun aber schlägt die Staatsmacht zurück. Nawalny ist unterwegs nach Kirow. Die Provinzstadt liegt 13 Zugstunden östlich von Moskau. Es ist eine unfreiwillige Reise und eine, die für ihn mit bis zu zehn Jahren Lagerhaft enden kann. In Kirow wartet auf den Oppositionsführer ein Gerichtspräsident, der sich rühmt, »im Leben noch nicht einen einzigen Freispruch gefällt« zu haben. Auf seinem Laptop klickt sich Nawalny durch die Ermittlungsakten, 10 000 Seiten sind es insgesamt. Vor vier Jahren soll er, so die Anklage, als Berater des liberalen Gouverneurs von Kirow beim Verkauf von Holz aus dem Staatswald umgerechnet 370 000 Euro unterschlagen haben. Nawalny bestreitet dies.

Nawalny steht stellvertretend für eine ganze Generation junger Politiker, die Anfang des Jahrtausends ihre Karrieren als Querköpfe begannen, für die sich aber nie ein Platz fand in Russlands Politik. In einem offenen System hätten sie sich wahrscheinlich über die Jugendorganisationen großer Parteien auf den Weg ins Zentrum der Macht begeben. In Wladimir Putins »gelenkter Demokratie« aber sind sie Außenseiter. Es sind Leute wie die Ex-Regionalministerin Marija Gaidar, der Straßenkämpfer Ilja Jaschin und der Parlamentsrebell Dmitrij Gudkow. Alexej Nawalny ist ihr prominentester Vertreter.

Am Bahnhof in Kirow springt Nawalny in ein wartendes Auto. Seine Anhänger haben eine Partei gegründet, aber das Radio meldet an diesem Tag, dass seiner »Volksallianz« die Registrierung durch das Justizministerium verwehrt werde. Im Gerichtssaal dann sitzen Nawalny zwei Staatsanwälte in blauer Uniform gegenüber. Wie zu Sowjetzeiten trägt das Gericht den Namen des kommunistischen Revolutionsführers Lenin, wie zu Sowjetzeiten rechnen alle mit einem Schuldspruch. Das wäre das vorläufige Ende der politischen Karriere Nawalnys. Wird er verurteilt, darf er nach russischem Recht nicht mehr bei Wahlen antreten. Der Blogger hält den Prozess in Kirow deshalb für »politische Rache«.

Vor dem Gerichtsgebäude hängt eine verwitterte Holztafel. Sie erinnert an Offiziere des Zaren, die 1825 gegen Leibeigenschaft und Zensur aufbegehrten.



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